Erkenntnis durch Raum ©

Clean Space – Erkenntnis durch Raum

Wie räumliche Wahrnehmung neue Zusammenhänge erschließt.

Wir sprechen ganz selbstverständlich davon, dass wir Abstand zu einer Situation brauchen. Dass wir vor einer Entscheidung stehen, etwas hinter uns lassen wollen oder uns eine neue Perspektive wünschen.
Unsere Sprache ist voller räumlicher Bezüge. Wir benutzen sie, ohne groß darüber nachzudenken.Doch was geschieht, wenn wir diese räumlichen Beziehungen tatsächlich in einem Raum erforschen?
Diese Frage führt zu Clean Space, einer von David Grove entwickelten Methode, die den physischen Raum unmittelbar in einen Erkenntnisprozess einbezieht.

Der Raum als Teil unserer Wahrnehmung

Wer über eine schwierige Situation nachdenkt, tut das nicht ausschließlich mit Worten. Bilder entstehen, körperliche Empfindungen verändern sich, Erinnerungen tauchen auf. Manches erscheint nah, anderes weit entfernt. Und manchmal zeigt schon eine beiläufige Handbewegung, wo sich etwas im persönlichen Erleben befindet.
David Grove beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie Menschen ihre Erfahrungen organisieren. Aus seiner Arbeit mit Metaphern und der Erforschung subjektiven Erlebens entwickelte er Anfang der 2000er-Jahre Clean Space.
Dabei wird der physische Raum zum Bestandteil der Auseinandersetzung mit einem persönlichen Anliegen.
Unterschiedliche Standorte eröffnen unterschiedliche Wahrnehmungen. Mit der Bewegung durch den Raum verändert sich die räumliche Beziehung zum eigenen Thema. Was aus einer Position heraus im Vordergrund steht, erscheint aus einer anderen Perspektive in einem veränderten Zusammenhang.
Im Verlauf der Arbeit werden diese räumlichen Erfahrungen miteinander verknüpft.

Wie aus einzelnen Positionen ein Netzwerk entsteht 

Clean Space erschöpft sich nicht darin, ein Thema von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten.
Zunächst werden räumliche Positionen gefunden und erkundet. Mit jeder weiteren Position erweitert sich das Wissen über das Anliegen.
Im Verlauf beginnt die Person, Verbindungen zwischen diesen Orten wahrzunehmen.
Sie betrachtet frühere Positionen aus einer neuen Perspektive. Sie kehrt an einen bereits bekannten Ort zurück und entdeckt dort etwas, das beim ersten Aufenthalt noch keine Bedeutung hatte. Informationen, die an unterschiedlichen Orten entstanden sind, geraten miteinander in Beziehung.
Dabei verändert sich auch die Wahrnehmung des ursprünglichen Anliegens.
James Lawley und Penny Tompkins, die David Groves Arbeit über viele Jahre begleitet und systematisiert haben, beschreiben diesen Prozess als die Entwicklung eines räumlichen Netzwerks.
Darin liegt eine Besonderheit von Clean Space.Die räumlichen Positionen sind nicht bereits mit Bedeutungen versehen. Es gibt keinen vorgegebenen Platz für die Vergangenheit, für ein Hindernis oder für eine Lösung.
Auch die Reihenfolge der Erkenntnisse ist nicht festgelegt
.Der Coachee erschließt den Raum aus seinem eigenen Erleben heraus. Welche Positionen Bedeutung gewinnen und welche Beziehungen zwischen ihnen entstehen, entwickelt sich während des Prozesses.
So entsteht ein räumliches Netzwerk, das sich mit jeder neuen Position und jeder Rückkehr weiterentwickelt.

Wenige Fragen - ein komplexer Erkenntnisprozess

Clean Space arbeitet mit einer klaren methodischen Struktur und wenigen, sich wiederholenden Fragen.
Sie richten die Aufmerksamkeit auf das Wissen, das an den einzelnen Positionen zugänglich ist, und unterstützen die weitere Erkundung des Raumes.
Die Fragen enthalten keine Interpretation des Anliegens. Sie geben weder eine bestimmte Bedeutung noch eine Lösung vor.
Welche Informationen der Coachee entdeckt und welche Zusammenhänge er daraus erkennt, entwickelt sich im Prozess.
Die Arbeit des Coaches besteht darin, diesen Prozess aufmerksam zu begleiten und die nächsten Schritte innerhalb der Methode zu steuern.
Dabei spielen auch die Position und die Bewegungen des Coaches eine Rolle. Schließlich befindet er sich ebenfalls im Raum und beeinflusst durch seine Anwesenheit die räumliche Wahrnehmung
David Grove hat deshalb der räumlichen Positionierung des Begleiters besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Die Einfachheit der Fragen steht in einem bemerkenswerten Verhältnis zur Komplexität dessen, was während der Arbeit entstehen kann.

Warum der Coach die Geschichte nicht kennen muss

Im Coaching beschäftigen wir uns häufig intensiv mit dem Inhalt eines Anliegens. Wir hören zu, fragen nach und erkunden Zusammenhänge.
Bei Clean Space entsteht eine zusätzliche Möglichkeit.
Der Coachee arbeitet mit seinem Wissen, seinen Erinnerungen und seinen inneren Bezügen. Für die Entwicklung des räumlichen Netzwerks ist es nicht erforderlich, dass der Coach sämtliche Hintergründe kennt.
Wenn eine Position für den Coachee beispielsweise mit einer bestimmten beruflichen Erfahrung verbunden ist, muss er diese Erfahrung nicht ausführlich schildern.
Er kann untersuchen, was diese Position für ihn bedeutet und wie sie mit anderen Orten im Raum zusammenhängt.
Das Wissen ist beim Coachee bereits vorhanden. Durch die räumliche Erkundung verändert sich der Zugang dazu.

Für meine Arbeit gilt der Grundsatz:
So wenig Inhalt wie möglich, so viel wie für Auftrag, Sicherheit und Intervention nötig.

Es geht um die Unterscheidung zwischen dem Inhalt, den der Coachee erkundet, und der Verantwortung des Coaches für die Prozessgestaltung.
Der Coach beobachtet das Geschehen, achtet auf die Entwicklung des räumlichen Netzwerks und führt durch die einzelnen Prozessschritte.
Für die inhaltliche Bedeutung der Positionen ist das Erleben des Coachees maßgeblich.

Warum ein veränderter Standort unser Denken beeinflußt

Was hat unser tatsächlicher Standort im Raum mit unseren Gedanken zu tun?
Mit dieser Frage beschäftigt sich unter anderem die Forschung zur Embodied Cognition, zur verkörperten Kognition.
Dahinter steht die Erkenntnis, dass kognitive Prozesse mit körperlicher Wahrnehmung, Bewegung und der Interaktion mit unserer Umgebung verbunden sind.
Besonders interessant sind Untersuchungen zur räumlichen Perspektivübernahme.
Sie zeigen, dass die gedankliche Einnahme einer anderen räumlichen Perspektive Prozesse einbezieht, die mit unserer Körperrepräsentation und Bewegungsvorstellung zusammenhängen.
Unser Denken über räumliche Beziehungen ist also eng mit der Art verbunden, wie wir unseren Körper im Raum erleben und orientieren.
Clean Space bezieht die tatsächliche körperliche Bewegung in die Auseinandersetzung mit einem persönlichen Anliegen ein.
Die Person stellt sich einen anderen Standort nicht nur vor. Sie nimmt ihn tatsächlich ein und erlebt die veränderten räumlichen Beziehungen.
So wird die Bewegung durch den Raum zu einem Bestandteil des Erkenntnisprozesses.

Erkenntnisse, die sich aus dem Prozess entwickeln

Ein wesentlicher Bestandteil von Clean Space ist die Rückkehr zum Ausgangspunkt.
Die Person hat inzwischen unterschiedliche Perspektiven eingenommen, neue Informationen erschlossen und Beziehungen zwischen den Positionen entdeckt.
Mit diesem erweiterten Wissen betrachtet sie ihr ursprüngliches Anliegen erneut.
Die Rückkehr ermöglicht es, Veränderungen gegenüber der anfänglichen Wahrnehmung zu erkennen und die gewonnenen Erkenntnisse mit dem ursprünglichen Anliegen in Beziehung zu setzen.
Manchmal ist das Ergebnis eine neue Sicht auf eine bekannte Situation. Manchmal entsteht Klarheit über eine Entscheidung. Und gelegentlich eröffnet eine unerwartete Erkenntnis eine Richtung, die vorher überhaupt nicht in Betracht gezogen wurde.

Erkenntnis durch Raum©

Was mich an Clean Space fasziniert, ist die Konsequenz, mit der die Methode dem eigenen Erleben eines Menschen folgt.
Der Raum wird zum Ort, an dem sich innere Beziehungen erkunden lassen. Die Positionen und ihre Bedeutung entstehen aus dem Wissen des Coachees.
Die klare Struktur des Verfahrens unterstützt diesen Prozess, ohne ihm fremde Deutungen hinzuzufügen.
Dafür braucht es einen Coach, der aufmerksam verfolgt, was sich im Raum entwickelt, und den Prozess methodisch sicher begleitet.
Das Ergebnis lässt sich nicht vorwegnehmen.
Erkenntnisse entstehen aus dem eigenen Erleben. Zusammenhänge werden durch die räumliche Erkundung bewusst, und aus diesem neuen Wissen eröffnen sich weitere Handlungsmöglichkeiten.
Der Raum gibt keine Antworten vor. Er ermöglicht es, eigene Antworten zu entdecken.
Das ist eine bemerkenswerte Qualität dieser Arbeit.